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Aber Milliarden als Emissionserlös Die Verluste der Anleger sind enorm

Tech-Firmen bekommen Prügel: Warum Peking ein Börsenbeben auslöst

WIRTSCHAFTFREITAG, 30. JULI 2021

Von Jan Gänger 

Vie­le chi­ne­si­sche Tech­no­lo­gie­fir­men haben der­zeit ein Pro­blem: Sie sind ins Visier der Staats- und Par­tei­füh­rung gera­ten. Die Akti­en­kur­se eins­ti­ger Vor­zei­ge-Kon­zer­ne stür­zen in die Tiefe. 

Chi­nas Regie­rung hat für ein Bör­sen­be­ben gesorgt. Die Akti­en­kur­se zahl­rei­cher Unter­neh­men rau­schen seit eini­gen Tagen in den Kel­ler, vor allem Tech-Kon­zer­ne lei­den. Der Nasdaq Chi­na Gol­den Dra­gon, in dem die US-Akti­en chi­ne­si­scher Fir­men ver­sam­melt sind, steu­ert auf den hef­tigs­ten Monats­ver­lust seit der Finanz­kri­se zu — das aktu­el­le Juli-Minus beträgt 22,5 Prozent. 

Nasdaq Golden Dragon China

Damit haben sich Mil­li­ar­den Dol­lar Bör­sen­wert in Luft auf­ge­löst. Der Grund: Peking hat mas­si­ve Regu­lie­rungs­maß­nah­men ein­ge­lei­tet gegen Tech­no­lo­gie-Unter­neh­men. Zunächst sind das Fir­men, die gro­ße Daten­men­gen besit­zen. Im Visier sind auch Unter­neh­men, die an US-Bör­sen gelis­tet sind. Außer­dem steht der Bil­dungs­sek­tor im Fokus. Aber auch ande­re Bran­chen sind betroffen. 

Die Regu­lie­rungs­wel­le sorgt auch für star­ke Ver­lus­te an den Bör­sen in Shang­hai und in Hong­kong. In Shang­hai ver­lor der CSI-Index, der die Akti­en der 300 größ­ten bör­sen­no­tier­ten Unter­neh­men vom chi­ne­si­schen Fest­land beinhal­tet, im Juli rund 8 Pro­zent und erlitt damit stär­ke­re Ver­lus­te als beim Coro­na-Schock im Febru­ar ver­gan­ge­nen Jahres. 

Zum ers­ten Mal sicht­bar wur­de Pekings neu­er Kurs beim Bör­sen­gang von Didi Chu­xing. Der erfolg­rei­che Fahr­dienst­leis­ter, der Uber aus der Volks­re­pu­blik ver­drängt hat­te, war Ende Juni in den USA an die Bör­se gegan­gen — und das, obwohl Chi­nas Cyber­space-Auf­sicht vor­her drin­gend davon abge­ra­ten hat­te. Kurz nach dem tri­um­pha­len Bör­sen­de­büt mit sat­ten Kurs­ge­win­nen wur­de App-Stores in Chi­na ver­bo­ten, die Didi-App in Chi­na wei­ter­hin zum Down­load anzu­bie­ten. Der Akti­en­kurs brach ein. Doch das war erst der Anfang. Didi muss sich auf eine har­te Stra­fe ein­stel­len

Schlechtes Image 

Es sieht zwar ganz danach aus, dass Peking an Didi ein Exem­pel sta­tu­iert. Denn Grün­der Cheng Wei hat mit dem Bör­sen­gang die Staats- und Par­tei­füh­rung her­aus­ge­for­dert. Doch das ist nicht der ein­zi­ge Grund: Peking will hei­mi­sche Tech-Fir­men von aus­län­di­schen Bör­sen fern­hal­ten. Die Regie­rung fürch­tet, dass sie von den dor­ti­gen Behör­den gezwun­gen wer­den könn­ten, ihren rie­si­gen Daten­schatz zur Ver­fü­gung zu stel­len — und den Zugriff wol­len Chi­nas Behör­den exklusiv.

Die ers­ten chi­ne­si­schen Tech-Fir­men haben ihre US-Bör­sen­plä­ne nun auf Eis gelegt, dar­un­ter die Tik­tok-Mut­ter Byte­dance und der Medi­zin-Daten­dienst­leis­ter Link­Doc. Der­weil kom­men auch die Kur­se von in den USA gelis­te­ten Fir­men wie etwa dem Online-Gigan­ten Ali­b­a­ba, dem Such­ma­schi­nen-Betrei­ber Bai­du, und dem Social-Media-Rie­sen Ten­cent unter die Räder. Zur Ein­ord­nung: Ten­cent ist an der Bör­se der­zeit etwa 546 Mil­li­ar­den Dol­lar wert. Das bedeu­tet, dass die We-Chat-Mut­ter seit dem Höchst­stand Mit­te Febru­ar etwa 396 Mil­li­ar­den Dol­lar an Markt­ka­pi­ta­li­sie­rung ver­lo­ren hat.

Das illus­triert ein­drucks­voll, wel­che Fol­gen Pekings Kehrt­wen­de an den Bör­sen hat. Hat­te die Füh­rung Inter­net-Kon­zer­ne lan­ge als Trei­ber von Inno­va­ti­on und als Sym­bol der wach­sen­den wirt­schaft­li­chen Potenz Chi­nas gese­hen, ist das nun anders. Die Bran­che wird nun eher als Sicher­heits­ri­si­ko und als Ursa­che von sozia­len Pro­ble­men gese­hen. In der Volks­re­pu­blik hat das eine immense Bedeu­tung. Denn poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che Sta­bi­li­tät hat für die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei die aller­höchs­te Priorität. 

Fünf Euro Tageslohn

Das erklärt auch das Vor­ge­hen gegen Fir­men, die im Bil­dungs­be­reich aktiv sind. Am ver­gan­ge­nen Wochen­en­de hat­te die chi­ne­si­sche Regie­rung eine Reform des pri­va­ten Bil­dungs­sek­tors ange­kün­digt. Unter­neh­men, die Nach­hil­fe-Pro­gram­me anbie­ten, dür­fen künf­tig kei­ne Gewin­ne erzie­len oder an die Bör­se gehen. Peking ver­sucht damit, die immensen Bil­dungs­kos­ten für Fami­li­en in den Griff zu bekommen. 

In Chi­na gibt es für Schü­ler eine har­te Abschluss­prü­fung, die “Gao­kao”. Die­se “Gro­ße Prü­fung” ent­schei­det maß­geb­lich über das zukünf­ti­ge Leben der Schul­ab­gän­ger — und setzt sie des­halb unter immensen Druck. Wer eine hohe Punkt­zahl holt, kann sich für die bes­ten Hoch­schu­len in Chi­na bewer­ben. Wer schlecht abschnei­det, dem bleibt in der Regel bloß der Gang zu Mit­tel­klas­se-Hoch­schu­len, was spä­ter oft Aus­wir­kun­gen auf Job-Ange­bo­te hat. Eltern brin­gen viel Geld auf, um ihren Kin­dern zu mög­lichst guten Schul­no­ten zu ver­hel­fen. Die pri­va­ten Insti­tu­te rich­ten ihre Ange­bo­te nicht nur an schwä­che­re Schü­ler, die in ihrer Klas­se nicht mit­kom­men. Auch für die Bes­ten eines Jahr­gangs ist es völ­lig nor­mal, am Wochen­en­de pri­va­ten Unter­richt zu buchen, um so noch bes­ser abschnei­den zu kön­nen als ohne­hin schon. Dies hat eine flo­rie­ren­de Indus­trie von Nach­hil­fe­schu­len geschaffen. 

Für die Unter­neh­men ist die Ankün­di­gung Pekings ein schwe­rer Schlag. Soll­ten sie tat­säch­lich wie ange­kün­digt künf­tig in gemein­nüt­zi­ge Unter­neh­men ver­wan­delt wer­den, inklu­si­ve Ver­bot von Wochen­end-Unter­richt, ist ihr Geschäfts­mo­dell am Ende. Die Fol­ge: An den Bör­sen geht es auch für sie in den Keller. 

Ein wei­te­res Bei­spiel für Pekings Regu­lie­rungs-Rund­um­schlag ist Mei­tu­an. Auch für die Akti­en des Lie­fer­gi­gan­ten geht es steil abwärts. Zuvor waren neue Vor­schrif­ten ver­öf­fent­licht wor­den, die die Rech­te der Essens­aus­fah­rer stär­ken — bei­spiels­wei­se wer­den Min­dest­löh­ne in der Bran­che ein­ge­führt. Bis­her hat Mei­tu­an die Fah­rer etwa mit dras­ti­scher Ver­dienst­kür­zung bestraft, wenn sie nicht schnell genug beim Kun­den waren, auch wenn sie wegen dich­ten Ver­kehrs nichts für die Ver­spä­tung konn­ten. Die Arbeits­be­din­gun­gen ste­hen lan­des­weit in der Kri­tik, nach­dem das Staats­fern­se­hen einen Bei­trag über Beam­te der Pekin­ger Stadt­ver­wal­tung aus­ge­strahlt hat­te, der under­co­ver einen har­ten Tag lang als Essens­lie­fe­rant für Mei­tu­an unter­wegs war und mit umge­rech­net fünf Euro Lohn nach Hau­se ging.

Quel­le: ntv.de, mit rts/dpa

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