Zwei Paar Hände tauschen Postwaren aus.

Lieferungen im Zehn-Minuten-Takt “Damit kann man kein Geld verdienen”

Von Julia­ne Kipper

Inves­to­ren pum­pen in einem wahn­sin­ni­gen Tem­po Unsum­men in Blitz-Lie­fer­diens­te wie Goril­las und Flink. Bis­lang ver­bren­nen die Star­tups aber ledig­lich Geld, anstatt schwar­ze Zah­len zu schrei­ben. Der Exper­te für Lebens­mit­tel­mar­ke­ting Otto Stre­cker geht davon aus, dass sich dar­an nichts ändern wird.

Egal ob Goril­las, Flink, Getir oder Gopuff, eines haben die Blitz-Lie­fer­diens­te alle gemein­sam: Sie müs­sen mit sub­stan­zi­el­len Ver­lus­ten klar­kom­men. Inves­to­ren schreckt das aber nicht ab. Im Gegen­teil: Sie wet­ten dar­auf, dass Kun­den ihre Ein­kaufs­ge­wohn­hei­ten ändern und ste­cken viel Geld in die Star­tups. Nach Daten von Pitch­book haben Inves­to­ren allein im ers­ten Halb­jahr 2021 welt­weit drei Mil­li­ar­den Euro in 44 Unter­neh­men gepumpt. Davon gin­gen 1,3 Mil­li­ar­den Euro an Goril­las, Flink und Getir. Ob sich die­se Inves­ti­tio­nen für die Geld­ge­ber rech­nen wer­den, ist noch nicht ausgemacht. 

Kri­ti­ker bezwei­feln näm­lich, dass die Unter­neh­men jemals schwar­ze Zah­len schrei­ben wer­den. “Wenn ein Fahr­rad­ku­rier für eine Lie­fer­ge­bühr von 1,80 Euro zehn Minu­ten zum Kun­den hin- und wie­der zurück­fährt und Unter­neh­men dafür eine gigan­ti­sche Wer­be­schlacht ver­an­stal­ten, kann man damit kein Geld ver­die­nen”, sagt Otto Stre­cker, Exper­te für Lebens­mit­tel­mar­ke­ting und Vor­stand der AFC Con­sul­ting Group AG in Bonn ntv.de.

Inves­to­ren neh­men das Risi­ko, am Ende leer aus­zu­ge­hen, laut Stre­cker in Kauf, weil sie vor einem grund­sätz­li­chen Pro­blem ste­hen: “Es gibt ein­fach zu viel Geld.” In Null­zins­pha­sen sei jede Ren­di­te, die grö­ßer als null ist, eine gute Ren­di­te. Es über­wiegt die Hoff­nung, dass die Star­tups ein Modell ent­wi­ckeln, bei dem ein Mono­po­list ent­steht, der am Ende alle Kon­kur­ren­ten aussticht. 

“In der Hoff­nung, letzt­lich das gro­ße Geld zu ver­die­nen, wer­den auf dem Weg dahin wahn­sin­nig hohe Ver­lus­te in Kauf genom­men.” Bis die Domi­nanz erreicht ist, sei die ein­zi­ge Wäh­rung, in der gehan­delt wer­de: Markt­an­tei­le. Doch für Stre­cker geht die­se Logik nicht auf. Wäh­rend die Restau­rant-Lie­fer­ket­te Lie­fe­r­an­do kei­ne eige­nen Küchen betreibt und nur den Trans­port orga­ni­siert, mie­ten Goril­las und Flink eige­ne Lager an. “Am Ende sitzt auch der letz­te Play­er im Markt auf einer schwie­ri­gen Kos­ten­struk­tur”, sagt Stre­cker. Er pro­gnos­ti­ziert des­we­gen einen har­ten Ver­drän­gungs­wett­be­werb: Die Old Eco­no­my wird sich bei den Blitz-Lie­fer­diens­ten einkaufen.

Dass sich der Super­markt-Rie­se Rewe und Flink Anfang Juni auf eine stra­te­gi­sche Part­ner­schaftgeei­nigt haben, stützt sei­ne Pro­gno­se. Die­ses Bei­spiel zeigt auch, wer in Wirk­lich­keit von wem abhän­gig ist: “Nicht Flink ist ein attrak­ti­ver Part­ner für Rewe, son­dern Rewe ist ein attrak­ti­ver Part­ner für Flink”, sagt Stre­cker. Goril­las und Flink haben es auch des­halb so schwer, schwar­ze Zah­len zu schrei­ben, weil Lebens­mit­tel-Lie­fer­diens­te ihr Geld eigent­lich nur im Ein­kauf ver­die­nen. Und damit haben selbst gro­ße Play­er wie Kai­sers Ten­gel­mann oder Real ihre Schwie­rig­kei­ten gehabt. 

Blitz-Lie­fer­diens­te bewe­gen zu wenig Men­ge und kön­nen des­we­gen nicht güns­tig ein­kau­fen. “Die Part­ner­schaft mit Rewe führt dazu, dass Flink Zugang zu den Ein­kaufs­kon­di­tio­nen von Rewe bekommt.” Das ver­bes­sert die Aus­gangs­po­si­ti­on um das Wett­ren­nen an der Spit­ze für Flink deut­lich. “Wir sind über­zeugt, dass wir durch unse­re Koope­ra­ti­on im Bereich Ware einen ent­schei­den­den Bei­trag dazu leis­ten, dass Flink zur Num­mer eins in sei­nem Seg­ment in Deutsch­land wird”, sagt Rewe-Chef Lio­nel Sou­que. Einem Schwer­ge­wicht wie Rewe geht es hin­ge­gen laut Stre­cker bei solch einer Zusam­men­ar­beit nicht dar­um, das gro­ße Geld zu ver­die­nen. Das Unter­neh­men wol­le viel mehr ler­nen, sei­ne Pro­zes­se zu digitalisieren.

Wettbewerb noch härter geworden

“Wir sehen seit Jahr­zehn­ten, dass Lebens­mit­tel­aus­lie­fe­rung kaum pro­fi­ta­bel ist”, sagt Stre­cker. Es sei denn, Unter­neh­men ver­lan­gen hohe Lie­fer­ge­büh­ren. Das gibt der Markt momen­tan aber noch nicht her. Des­halb gelingt es selbst Ama­zon mit sei­nem Lie­fer­ser­vice Ama­zon Fresh nicht wirk­lich, erfolg­reich zu sein. Es ist inzwi­schen zehn Jah­re her, dass Ama­zon Fresh in den Markt ein­ge­tre­ten ist. “Ich erken­ne nicht, dass wir inzwi­schen flä­chen­de­ckend alle von Ama­zon Fresh mit Lebens­mit­teln ver­sorgt werden.”

Stre­cker erin­nert dar­an, dass es bereits kurz vor dem Plat­zen der Dot­com-Bla­se eine Rei­he von Ver­su­chen gege­ben hat, Geld mit Lebens­mit­tel-Lie­fer­diens­ten zu ver­die­nen. “Das hat damals schon nicht geklappt. Alle Ver­su­che sind kra­chend geschei­tert.” Und damals sei­en die Ambi­tio­nen noch ver­gleichs­wei­se zurück­hal­tend gewe­sen. Schließ­lich sei zwan­zig Jah­ren kei­ne Rede von Lie­fe­run­gen im Zehn-Minu­ten-Takt gewesen.

Zuletzt ist der Wett­be­werb noch här­ter gewor­den als er ohne­hin schon ist. Das rück­läu­fi­ge Wachs­tum bringt Restau­rant-Lie­fe­rer wie Lie­fe­r­an­do auf neue Ideen. Auch sie wol­len schon bald Lebens­mit­tel aus­lie­fern. “Jeder der einen fahr­ba­ren Unter­satz hat, glaubt, er müs­se jetzt in das Geschäft mit Lebens­mit­tel­lie­fe­run­gen ein­stei­gen”, sagt Stre­cker. Dabei ist für ihn auch klar: Spä­tes­tens wenn Inves­to­ren nicht mehr bereit sind, die Geschäfts­mo­dell der Blitz-Lie­fer­diens­te durch­zu­fi­nan­zie­ren, ist der Hype wie­der vorbei.

Quel­le: ntv.de

Schreibe einen Kommentar