Bofinger zerlegt Bitcoin Hype

Bit­coin erlebt einen neu­en Boom. Auch lan­ge skep­ti­sche Groß­ban­ken und insti­tu­tio­nel­le Inves­to­ren sind auf den Zug auf­ge­sprun­gen. Der Würz­bur­ger Öko­nom und lang­jäh­ri­ge Wirt­schafts­wei­se Peter Bofin­ger bleibt im ntv.de-Gespräch unbe­irrt bei sei­ner Ein­schät­zung: Von dem “digi­ta­len Spiel­geld” dürf­te lang­fris­tig nur “Luft” bleiben.

Bitcoin

ntv.de: Drei Jah­re sind seit dem letz­ten gro­ßen Bit­coin-Hype ver­gan­gen. Die Kryp­to­wäh­rung hat aller Skep­sis zum Trotz nicht nur über­lebt, son­dern zuletzt wie­der Rekord­hochs erklom­men. Hat sich Ihre Sicht auf Bit­coin geändert?

Peter Bofin­ger: Nein, gar nicht. Es ist immer noch nichts ande­res als digi­ta­les Spiel­geld. Die Gefahr, dass es implo­diert, besteht wei­ter­hin. Im Fall eines Ver­trau­ens­ver­lus­tes gibt es nichts, was eine sol­che Ent­wick­lung brem­sen könnte. 

Bis­her sind die Unter­gangs­pro­gno­sen für Bit­coin nicht ein­ge­tre­ten. Der Kurs hat sich im Jah­res­ver­gleich vervielfacht.

Das kann auch noch eine Wei­le so wei­ter­ge­hen, solan­ge die Zin­sen nied­rig blei­ben und Leu­te das nöti­ge Geld sowie Spaß dar­an haben, ein sehr vola­ti­les Asset zu hal­ten. Spe­ku­la­ti­on hat ja ein aus­ge­prägt spie­le­ri­sches Ele­ment. Im Ver­gleich zum welt­wei­ten Finanz­ver­mö­gen liegt die in Bit­coin ange­leg­te Sum­me immer noch im Pro­mil­le­be­reich. Aber man muss sich der Tat­sa­che bewusst sein, dass Bit­coin heu­te zwar Mode ist, aber das kann sich jeden Tag ändern. Es gibt ja gro­ßen Wett­be­werb unter den Kryp­to­wäh­run­gen. Mor­gen kann plötz­lich eine ande­re Wäh­rung als sexy emp­fun­den wer­den, die eine mög­li­cher­wei­se span­nen­de­re Funk­tio­na­li­tät als Bit­coin auf­weist, und dann las­sen die Spe­ku­lan­ten Bit­coin fal­len. Man muss also sehen, dass es hier einen gro­ßen Wett­be­werb und per­ma­nen­te Inno­va­tio­nen gibt.

Kann man nicht argu­men­tie­ren, dass Bit­coin nun einen Wert eben dadurch bekommt, dass aus­rei­chend vie­le Anle­ger ihm einen Wert beimessen?

Spe­ku­lan­ten kau­fen Assets, weil sie glau­ben, dass ande­re glau­ben, dass wie­der­um ande­re bereit sind, dafür einen bestimm­ten Preis zu zah­len. Das ist das, was John May­nard Keynes Spe­ku­la­ti­on drit­ten Gra­des nann­te: Erwar­tun­gen über Erwar­tun­gen über Erwar­tun­gen. Das kann eine Zeit­lang gut gehen, aber eben auch plötz­lich in sich zusam­men­fal­len. Ich ver­glei­che das mit einem voll­be­setz­ten Fuß­ball­sta­di­on: Solan­ge ich als ein­zi­ger raus möch­te, ist das kein Pro­blem. Wenn aber Panik aus­bricht und alle gleich­zei­tig zum Aus­gang stür­men, geht das nicht — zumin­dest kaum ohne erns­te Ver­let­zun­gen. So enden spe­ku­la­ti­ve Bla­sen für Anleger.

Ist nicht durch den Ein­stieg insti­tu­tio­nel­ler Inves­to­ren und Groß­ban­ken eine gewis­se Sta­bi­li­tät eingetreten?

Durch die Ban­ken? In der Finanz­kri­se haben sich Ban­ken nicht unbe­dingt dadurch pro­fi­liert, dass sie beson­ders siche­re Enga­ge­ments iden­ti­fi­zie­ren können. 

Das Argu­ment, es gebe kei­nen rea­len Wert oder prak­ti­schen Nut­zen, gilt doch weit­ge­hend auch für Gold.

Das stimmt. Des­we­gen hat es bei Gold in der Ver­gan­gen­heit auch schon erheb­li­che Preis­be­we­gun­gen gege­ben. Und bei den Zen­tral­ban­ken lie­gen rie­si­ge Gold­re­ser­ven, Relik­te aus der Ver­gan­gen­heit, die sie nicht mehr brau­chen. Wenn eine die­ser Noten­ban­ken auf die Idee käme, das zu ver­kau­fen, wür­de der Gold­preis ganz schön ins Rut­schen kom­men. Aber Gold hat immer­hin noch einen gewis­sen Gebrauchs­wert zur Her­stel­lung von Schmuck zum Bei­spiel. Kommt der Bit­coin ins Rut­schen, bleibt dage­gen nur Luft übrig.

Jen­seits von Bit­coin sehen man­che immer­hin einen Nut­zen in der Block­chain-Tech­no­lo­gie für digi­ta­le Wäh­run­gen, nicht zuletzt die Noten­ban­ken selbst.

Ich hal­te das für nicht über­zeu­gend. Die Block­chain hält für alle Zeit alle Trans­ak­tio­nen fest, die mit einem kon­kre­ten Zah­lungs­ob­jekt vor­ge­nom­men wur­den. Wir wüss­ten etwa bei einem Zehn-Euro­schein: Irgend­wann wur­de er von die­ser Noten­bank her­aus­ge­ge­ben, dann von jener Bank an Frau Mül­ler aus­ge­zahlt, dann an jenen Händ­ler gezahlt, usw. Die­sen immer län­ger wer­den­den Rat­ten­schwanz an Infor­ma­tio­nen trägt jeder Bit­coin mit sich her­um. Wozu soll das gut sein? Bei man­chen Lie­fer­ket­ten könn­te das nütz­lich sein. Wenn ich gefro­re­nen Hirsch­bra­ten aus Litau­en kau­fe, ist es gut zu wis­sen, wann wur­de das Tier geschos­sen, wo wur­de es ver­ar­bei­tet, wann und wie trans­por­tiert, gab es Unter­bre­chun­gen in der Kühl­ket­te. Aber für Wäh­run­gen ist das nutzlos.

Die Begeis­te­rung für Kryp­to­wäh­run­gen ist oft ver­bun­den mit einer Skep­sis gegen­über den Noten­ban­ken. Kön­nen Sie das nachvollziehen?

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WIRTSCHAFT04.01.21Rekord­jagd an der Bör­seWie funk­tio­niert der Bitcoin?

Nein, die Noten­ban­ken machen doch einen ziem­lich guten Job! Seit den 90er Jah­ren sind die Infla­ti­ons­ra­ten nied­rig. Auch nach der Finanz­kri­se gab es, wie auch heu­te, gro­ße Angst vor Infla­ti­on. Sie ist aber aus­ge­blie­ben und auch jetzt nicht zu befürch­ten.

Kri­ti­kern von Kryp­to­wäh­run­gen wird oft vor­ge­wor­fen, sie wür­den deren kom­ple­xe Funk­ti­ons­wei­se ein­fach nicht verstehen.

Öko­no­misch ist das Prin­zip doch sehr ein­fach. Jemand gibt ein Spiel­geld her­aus und bringt ande­re dazu, ihm dafür ech­tes Geld zu geben. Es ist das­sel­be, als wenn ich jetzt ‘100 Bofin­ger’ auf einen Zet­tel schrei­ben wür­de und Men­schen fin­de, die mir dafür 100 Euro geben, ohne dass ich ihnen gegen­über irgend­ei­ne Ein­lö­sungs­ver­pflich­tung habe. Bei Bit­coin ist die­ses Prin­zip ledig­lich in einem Infor­ma­tik-Nebel verborgen.

Mit Peter Bofin­ger sprach Max Borowski

Quel­le: ntv.de

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