Elektromobil wird geladen. Bild zeigt Stecker im Fahrzeug.

Kampf um Lithium für E‑Batterien“Wir brauchen Offenheit für modernes Mining”

Roh­stoff­märk­te

Ambi­tio­nier­te Kli­ma­zie­le, staat­li­cher­seits ver­ord­ne­te E‑Mobiliät — doch wo sol­len die Bat­te­rien für die Elek­tro­au­tos her­kom­men? Der Roh­stoff Lithi­um ist knapp. Dirk Har­be­cke, CEO von Rock Tech Lithi­um, erklärt, war­um Euro­pa den glo­ba­len Kampf um den Roh­stoff erns­ter neh­men muss, war­um Minen wich­tig sind und Recy­cling von Bat­te­rien allein nicht ausreicht.

Herr Har­be­cke, wir in Deutsch­land, aber auch die gan­ze EU set­zen uns ambi­tio­nier­te Kli­ma­zie­le. Aber damit wir sie im Jahr 2030 auch erfül­len kön­nen, muss man heu­te schon anfan­gen. Die EU hat sich daher ent­schie­den, die Bat­te­rie-Pro­duk­ti­on in Euro­pa zu för­dern. Sie sagen, das genügt nicht …

Dirk Har­be­cke: Das ist schon mal sehr gut, wenn man die Zel­len nicht nur aus Chi­na oder aus Ame­ri­ka impor­tiert, son­dern so eine wich­ti­ge Zukunfts­tech­nik selbst aus­hält. Aber jetzt kommt das Pro­blem: Wenn wir die Bat­te­rie selbst bau­en wol­len, brau­chen wir nicht nur eine Mega-Fac­to­ry, son­dern auch die ent­spre­chen­den Rohstoffe.

Also der Schritt in der Ket­te vor der Pro­duk­ti­on. Die gan­ze Welt will ganz vie­le Bat­te­rien bau­en. Sie fürch­ten also einen Run auf die Rohstoffe?

Die­se Roh­stof­fe, allen vor­an Lithi­um, wer­den nicht in aus­rei­chen­der Men­ge ver­füg­bar sein.

Spä­tes­tens seit 2010 wird die E‑Mobilität pro­pa­giert. Es wird auch mehr Lithi­um her­ge­stellt, aber es gibt schwan­ken­de Prei­se und kei­nen kon­ti­nu­ier­li­chen Auf­bau des Angebots.

Ich bin im Jahr 2010 das ers­te Mal mit Lithi­um in Kon­takt gekom­men und habe in Rock Tech Lithi­um inves­tiert. Im Jahr 2016 fing die zwei­te Pha­se an. Damals hat Tes­la das Model 3 vor­ge­stellt und die Chi­ne­sen haben gesagt, wir bau­en jetzt alles in Rich­tung Elek­tro­nik. Spä­tes­tens jetzt war klar, dass die Elek­tro­mo­bi­li­tät kommt und dass man dafür Bat­te­rien braucht. Aber wie Sie rich­tig sagen, das Ange­bot ent­wi­ckelt sich bis­her nicht kon­ti­nu­ier­lich. Sicher ist jedoch, dass sich die Men­ge des benö­tig­ten Lithi­ums bis 2030 etwa ver­zehn­fa­chen wird. Wir benö­ti­gen also zehn­mal so viel Lithi­um inner­halb von nur zehn Jah­ren. Das sind enor­me Wachs­tums­ra­ten von über 35 Pro­zent. Das gab es noch nie bei einem Rohstoff.

Das ist also ein Zukunfts­markt, also müss­te doch auch inves­tiert werden?

Lei­der nicht. Die Prei­se sind zeit­wei­se gesun­ken, es sind kaum Inves­ti­tio­nen erfolgt. Sol­che Pro­zes­se benö­ti­gen einen Vor­lauf. Von den sie­ben Jah­ren, um Pro­jek­te in Pro­duk­ti­on zu brin­gen, haben wir drei Jah­re schon verloren.

Lithi­um baut man nicht so leicht ab.

Harbecke_Rock Tech Lithium.jpg
Der ehe­ma­li­ge ntv-Jour­na­list Dirk Har­be­cke ist heu­te CEO von Rock Tech Lithium.(Foto: PR Rock Tech Lithium )

Aus dem Boden holen sie ein Pro­zent des Roh­stoffs. Das Mate­ri­al brin­gen sie erst auf sechs Pro­zent und ver­ar­bei­ten es dann auf 99,9 Pro­zent rei­nes Lithi­um. Das ist eine hoch­mo­der­ne Tech­no­lo­gie, die mit gro­ßen Inves­ti­tio­nen ver­bun­den ist. Noch haben sich die Auto­bau­er nicht ent­schie­den, die­sen Schritt vor der Bat­te­rie­pro­duk­ti­on selbst zu gehen. Inter­es­san­ter­wei­se aber Tes­la. Die bau­en ein klei­nes Werk bei der neu­en Giga­fac­to­ry in Texas auf.

Am Ende wird den Her­stel­lern aber kaum etwas ande­res übrigbleiben?

Wenn Sie eine 35-pro­zen­ti­ge Stei­ge­rung im Jahr errei­chen wol­len bei einem Roh­stoff, der mehr oder min­der nur für die­se Tech­nik benutzt wird, kön­nen Sie nicht davon aus­ge­hen, die­sen Roh­stoff ein­fach so am Markt ein­kau­fen zu können.

Lithi­um soll aus alten Bat­te­rien recy­celt wer­den, löst das nicht das Problem?

Mit der Aus­wei­tung der Bat­te­rie­ka­pa­zi­tät muss zunächst welt­weit sehr viel mehr Lithi­um geför­dert wer­den. Per­spek­ti­visch wird Lithi­um dann recy­celt. Aber dafür müs­sen wir erst mal die Bat­te­rien bau­en, die spä­ter recy­celt wer­den. Und das dau­ert. Zuerst muss das Mate­ri­al abge­baut wer­den, dann muss ein E‑Auto ver­kauft wer­den, wenn dann die Bat­te­rien zehn und mehr Jah­re in Betrieb waren, kön­nen sie recy­celt werden.

In den nächs­ten zehn Jah­ren kann man also kaum mit einem mas­sen­haf­ten Anteil an recy­cel­tem Lithi­um rechnen?

Rich­tig. Aber das hat auch Vor­tei­le. Es ist nicht so ein­fach, das Lithi­um aus den Bat­te­rien wie­der­zu­ge­win­nen, da muss noch eini­ges pas­sie­ren. Ab 2035 könn­ten wir knapp 70 Pro­zent des Bedarfs aus Lithi­um-Recy­cling decken. Die Recy­cling-Tech­no­lo­gie ist also im Moment noch nicht gut genug ent­wi­ckelt. Das Recy­cling­pro­blem sehe ich ent­spann­ter als den Eng­pass in den nächs­ten Jah­ren. Denn in den nächs­ten fünf bis zehn Jah­ren wird es noch nicht genug Minen geben, um das mas­si­ve Wachs­tum abzu­de­cken. Spä­ter wird es aber vie­le Minen geben, die pro­du­zie­ren. Wenn es dann also Eng­päs­se beim Recy­cling geben soll­te, kann man wei­ter Mate­ri­al schürfen.

Nun sind die Län­der der EU nicht die ein­zi­gen, die Lithi­um benö­ti­gen. Wo soll das herkommen?

Im Hin­ter­grund wird dar­an gear­bei­tet, dass wir das chi­ne­si­sche Modell kopie­ren. Die Chi­ne­sen bezie­hen die­se Roh­stof­fe aus Aus­tra­li­en und ver­ar­bei­ten sie in Chi­na, so domi­nie­ren sie bei raf­fi­nier­ten Pro­duk­ten. Aber um mit die­sem Modell kon­kur­rie­ren zu kön­nen, muss der Auf­bau von Raf­fi­ne­rien in Euro­pa mas­siv unter­stützt werden.

Und dann kauft die EU in Aus­tra­li­en ein? Die Span­nun­gen zwi­schen Chi­na und Aus­tra­li­en neh­men stark zu.

Das wird in den kom­men­den Jah­ren nicht mög­lich sein, weil die Aus­tra­li­er den Groß­teil ihrer Pro­duk­ti­on schon Rich­tung Chi­na ver­kauft haben. Sie bin­den ihre Part­ner lang­fris­tig und zah­len gute Prei­se. Der Wes­ten muss jetzt eine kon­zer­tier­te Akti­on star­ten und ver­su­chen, sich so viel wie mög­lich vom Roh­ma­te­ri­al aus Aus­tra­li­en für die Zukunft zu sichern. Gleich­zei­tig muss man direkt in Pro­jek­te inves­tie­ren, etwa in Kana­da, um dort eine Pro­duk­ti­on hoch­zu­fah­ren. Nur so wird man die dro­hen­de Knapp­heit beherr­schen. Die deut­sche Auto­in­dus­trie hat das Pro­blem schon ver­stan­den. Hier macht man sich auch zuse­hends Sor­gen, wie sta­bil die Lie­fer­ket­te aus Asi­en über­haupt ist. Jetzt haben wir den aktu­el­len Fall mit der Chip-Pro­duk­ti­on. Eini­ge west­eu­ro­päi­sche Auto­bau­er muss­ten schon Auto­wer­ke still­le­gen, weil sie nicht genug Chip­sät­ze aus Asi­en bekommen.

Kann die EU hier über­haupt mit­hal­ten mit Chi­na und den USA als Konkurrenten?

Die Her­aus­for­de­rung ist nicht die Grö­ße. Die Her­aus­for­de­rung ist die Wahr­neh­mung, die man inner­halb der EU hat. Euro­pa und auch Deutsch­land enga­gie­ren sich nicht bei Roh­stof­fen. Seit Jahr­zehn­ten sagen wir, wenn wir Roh­stof­fe brau­chen, dann gibt es den Welt­markt und wir kau­fen sie ein.

So eine Dis­kus­si­on gab es schon ein­mal bei Sel­te­nen Erden, das hat sich dann aber wie­der verlaufen.

Dies­mal ist es noch gra­vie­ren­der, weil wir von einer Kern­in­dus­trie Deutsch­lands und Euro­pas spre­chen. Die Kon­zer­ne haben ver­stan­den, dass die Eng­päs­se grö­ßer sein wer­den als das, was wir bei Sel­te­nen Erden befürch­tet hat­ten. Trotz­dem ist der Gedan­ke, wie wich­tig Roh­stof­fe sind, nicht tief ver­an­kert. Die Chi­ne­sen dage­gen glau­ben an Roh­stof­fe. Die haben seit Jahr­zehn­ten gesagt, wir kau­fen die Roh­stof­fe ein und wir bau­en die Tech­no­lo­gie bei uns. So wer­den wir Tech­no­lo­gie­füh­rer welt­weit, weil wir die bes­ten Wei­ter­ver­ar­bei­tungs­an­la­gen haben.

Roh­stof­fe gel­ten als über­kom­men, als schmut­zig. Egal ob Koh­le­mi­nen, Erd­öl­fel­der oder auch Lithi­um. Das lagert man gern aus.

Man muss wie­der eine Offen­heit haben für moder­nes Mining und die Tech­no­lo­gien dahin­ter und man muss auch investieren.

Sau­be­res Mining — geht das überhaupt?

Die Explo­ra­ti­ons- und die Pro­duk­ti­ons­me­tho­den ver­bes­sern sich per­ma­nent. Wenn Sie das Lithi­um aus dem Boden holen, dann gibt es einen offe­nen Bereich, aber es sind nicht so rie­si­ge Nar­ben. Frü­her muss­te man gewal­ti­ge Löcher aus­he­ben, damit man an die Res­sour­cen her­an­kam. Heu­te macht man das prä­zi­ser. Es wird auch immer mehr im Unter­grund gear­bei­tet, weil sie unter Tage so genau arbei­ten kön­nen, dass sie nur die Res­sour­cen, die sie benö­ti­gen, raus­zie­hen. Lithi­um ist nur zu einem Pro­zent im Boden. Das heißt, wir wol­len das eine Pro­zent Lithi­um raus­ho­len und den gan­zen Rest brin­gen wir wie­der ein. Bei 99 Pro­zent sind wir noch nicht — aber fast.

Das Image des Mining sieht aber anders aus.

Sehr viel Kobalt für Bat­te­rien kommt aus der Demo­kra­ti­schen Repu­blik Kon­go. Es gab da vie­le Gerüch­te rund um Kin­der­ar­beit, das ist für einen Auto­kon­zern sehr schwie­rig. Ein wei­te­rer Grund, sich zu enga­gie­ren. Heu­te müs­sen Sie die Nach­hal­tig­keit bele­gen kön­nen. Wir haben zukünf­tig eine neue Genera­ti­on von Auto­käu­fern, die wis­sen wol­len, wo jeder ein­zel­ne Bestand­teil des Autos her­kommt. Sie wol­len wis­sen, wie das Lithi­um abge­baut wird. Ist das im Ein­klang mit der Natur? Ist das sozi­al und im Ein­ver­neh­men mit den Gemein­den um das Gebiet? Wird wie­der auf­ge­schüt­tet und auf­ge­fors­tet, sodass man zehn Jah­re spä­ter nichts mehr von dem Abbau sieht? Das sind alles Kri­te­ri­en für Nach­hal­tig­keit, und das muss ein Auto­kon­zern selbst über­prü­fen. Ansons­ten wird es schwer, der neu­en Genera­ti­on Autos zu verkaufen.https://audionow.de/podcast/d8e773e9-f089-4d4d-8297–6224c515b3d8/embed/49f561b2-af6a-4b69-8308-a4443980a37a/0/333333*Daten­schutz

Was muss gesche­hen, um die benö­tig­ten Bat­te­rien her­stel­len zu können?

Wir benö­ti­gen jetzt mehr direk­te Inves­ti­tio­nen von Bat­te­rie­pro­du­zen­ten und von der Auto­in­dus­trie selbst, damit wir so schnell wie mög­lich das not­wen­di­ge Lithi­um pro­du­zie­ren kön­nen. Ich wür­de als Auto­bau­er direkt in Minen­pro­jek­te inves­tie­ren. Es geht immer dar­um, ob genug Kapi­tal zur Ver­fü­gung gestellt wird, und wenn VW zum Bei­spiel eine Part­ner­schaft ein­geht, dann sorgt das für viel Außen­wir­kung, das erleich­tert dann auto­ma­tisch die Finanzierung.

Bei knap­pen Roh­stof­fen setzt ein Wett­be­werb der Abneh­mer ein.

Die Chi­ne­sen inves­tie­ren seit Jahr­zehn­ten mas­siv im Lithi­um­be­reich, daher ist Chi­na im Moment Tech­no­lo­gie­füh­rer. Ich war vor der Pan­de­mie in Chi­na und habe mir dort Lithi­um-Con­ver­ter ange­schaut. Die Chi­ne­sen wis­sen, wie man so etwas baut, und sind welt­weit füh­rend. Das ist nicht so, dass eine Anla­ge aus dem Wes­ten impor­tiert wird und dort dann nach­ge­baut wird. Im Moment haben sie noch Nach­hol­be­darf beim The­ma Nach­hal­tig­keit. Auch die Ame­ri­ka­ner haben Lithi­um auf ihre Lis­te der kri­ti­schen Metal­le genom­men. Die EU unter­stützt immer­hin jetzt den Bau der Bat­te­rien. Das ist bereits ein Riesenfortschritt.

Viel­leicht folgt dann irgend­wann auch eine Sen­si­bi­li­tät für den Rohstoff?

Das geschieht zu lang­sam, weil die Eng­päs­se jetzt schon da sind. Wir müs­sen das frü­her machen. Das ist ein Wett­lauf um Lithi­um und wir kön­nen in dem Ren­nen abge­hängt wer­den. Die Ame­ri­ka­ner sind im Moment sehr schnell unter­wegs. Sie wol­len unbe­dingt eine stra­te­gi­sche Alli­anz mit Kana­da ein­ge­hen, weil es Lithi­um in Kana­da gibt. Die USA lei­ten jetzt kon­kre­te Schrit­te ein. Wir kön­nen noch eini­ges auf­ho­len. Die­se Geschwin­dig­keit muss aber jetzt kom­men, weil Chi­ne­sen und Ame­ri­ka­ner sehr aggres­siv in die­se Märk­te reingehen.

Mit Dirk Har­be­cke sprach Ger­not Kramper.

Das Inter­view erschien zuerst bei Stern.de.

Schreibe einen Kommentar